Eine nachhaltige Zukunft für die Luftfahrt gestalten

Sustainable future for aviation (© Lufthansa Systems)
Sustainable future for aviation (© Lufthansa Systems)

Die Luftfahrtindustrie ist für die Menschen und die Wirtschaft von enormer Bedeutung. Gleichzeitig trägt sie ein hohes Maß an Verantwortung für unsere Umwelt. Fluggesellschaften durchlaufen derzeit einen enormen Wandel in Punkto Nachhaltigkeit. Als Technologieunternehmen und Anbieter von Airline-IT ist Lufthansa Systems bestrebt, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu ermitteln und den ihrer mehr als 350 Kunden weltweit zu verbessern, um den grünen Wandel in der Luftfahrt aktiv zu gestalten.

In diesem Interview - geführt anlässlich des World Aviation Festivals 2021 - erläutert unser CEO Olivier Krüger, wie digitale Lösungen grüne Innovationen vorantreiben und zur Erreichung der internationalen Klimaziele beitragen können.

Die Welt verlangt nach einem neuen und nachhaltigeren Ansatz für die Reisebranche. Welche Rolle spielen neue Technologien und die Digitalisierung bei der Bewältigung der Herausforderungen des Klimawandels?

OK: Innovative Technologien sind ein wichtiges Instrument auf unserem Weg in eine nachhaltige Zukunft der Luftfahrt. Wir wollen Lösungen anstoßen, die die betrieblichen Abläufe entlang der gesamten Reisekette optimieren und den CO2-Fußabdruck reduzieren. Der Schlüssel dazu ist die Kombination von Datenquellen, die Sammlung von Erkenntnissen über die Umweltauswirkungen und die Entwicklung intelligenter Software. Zwar unterstützen leistungsstarke IT-Lösungen bereits eine klimagerechte Planung und Entscheidungsfindung, doch stehen wir erst am Anfang dessen, was wir erreichen können. Um innovative Ansätze voranzutreiben, arbeiten wir bereichsübergreifend daran, fundiertes Branchenwissen mit zukunftsweisender technologischer Kompetenz zu verbinden.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel dafür nennen, wie intelligente Lösungen eine nachhaltigere Industrie unterstützen?

OK: Es gibt mehrere Möglichkeiten, den ökologischen Fußabdruck der Luftfahrtindustrie zu verbessern. So hat beispielsweise die Flugroute einen direkten und erheblichen Einfluss auf den Treibstoffverbrauch und die Kohlendioxidemissionen. Durch eine intelligente Planung und Berechnung können wir diese Auswirkungen minimieren. Unsere Flugplanungssoftware Lido Flight 4D  berechnet die effizienteste Flugroute unter Berücksichtigung aller aktuellen, flugrelevanten Daten. Dadurch können Fluggesellschaften Flugzeiten und -kosten reduzieren und im Vergleich zu anderen Lösungen im Markt bis zu fünf Prozent des benötigten Treibstoffs einsparen, was für einen Netzwerk-Carrier eine jährliche Einsparung von rund 270.000 Tonnen CO2-Emissionen bedeutet. Ein weiteres Beispiel ist die Netzgestaltung und -planung. Unser NetLine/HubDesigner nutzt die verfügbaren Flotten- und Nachfragemuster, um ein für niedrige Kohlenstoffemissionen optimiertes Netz zu erstellen, indem er Strafen für solche Emissionen hinzufügt und die Flotten mit Partnerflügen und intermodalen Verkehrsalternativen aufwertet.

Ein weiterer Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist die Digitalisierung des Flugzeugs. Mit unseren elektronischen Kartenlösungen helfen wir Fluggesellschaften, ein papierloses Cockpit zu erreichen. Dadurch hat sich unser Druckvolumen in den letzten drei Jahren um 75 % verringert, was einer Einsparung von rund 100 Tonnen Papier in diesem Zeitraum entspricht. Ein papierloses Flugzeug besteht jedoch aus mehr als nur dem Cockpit. Unsere laufenden Bemühungen, die Konnektivität in der Kabine zu erhöhen, haben uns dazu veranlasst, eine drahtlose Bordunterhaltungsplattform zu entwickeln. Dies hilft den Fluggesellschaften die Sitzplatztaschen zu digitalisieren. Deren Inhalte werden so in einen digitalen Service umgewandelt, der direkt an die Geräte der Passagiere geliefert wird.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele anführen, aber lassen Sie mich eine andere Facette hervorheben, auf die ich besonders stolz bin. Wir sind Teil des CleanTech Hub der Lufthansa Group, der die Implementierung sauberer Technologien innerhalb der Fluggesellschaften des Konzerns beschleunigt und die Zusammenarbeit mit externen Pionieren fördert.

Können Sie uns mehr über den CleanTech Hub erzählen?

OK: Klimaschutz ist eine Herausforderung für uns alle, und wir können nur gemeinsam etwas bewegen. Der CleanTech Hub ist ein virtuelles Kompetenzzentrum, eine Plattform, die die Fluggesellschaften und Tochtergesellschaften der Lufthansa Group sowie Start-ups und Forschungsinstitute miteinander verbindet. Es ist ein inspirierender Raum für die Zusammenarbeit, der saubere Technologien und Nachhaltigkeitsinitiativen erleichtert, motiviert und anregt, indem er Zugang zu Ressourcen bietet, Initiativen unterstützt und die Zeit bis zur Marktreife verkürzt. Ziel ist es, umweltfreundliche Technologien voranzutreiben, die die Kohlenstoff-, Lärm- und Abfallemissionen des Flugbetriebs der Lufthansa Group reduzieren und gleichzeitig Verhaltensänderungen bewirken, die Skalierbarkeit erhöhen und unsere Branche zukunftssicher machen. Der CleanTech Hub besteht aus fünf Schwerpunktbereichen, und ich bin stolz darauf, der Sponsor des Schwerpunktbereichs 'Digitale Lösungen und Verfahren' zu sein. Wir arbeiten bereichsübergreifend, um IT-Kapazitäten und Wissensführer zusammenzubringen.

Welche Rolle spielen Daten, um diesen grünen Wandel voranzutreiben?

OK: Daten sind der einzige Weg nach vorn. Die Zusammenarbeit zwischen Regulierungsbehörden, Flughäfen und Fluggesellschaften sollte ganz oben auf der Tagesordnung stehen, denn gegenseitiger Austausch und Transparenz bieten eine hervorragende Möglichkeit, auf eine riesige Datenquelle zuzugreifen. Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan. Die Branche muss noch einen Schritt weitergehen und diese Daten sinnvoll nutzen. Der Einsatz von maschinellem Lernen und KI-gestützten Automatisierungstools trägt zu einem effizienteren Entscheidungsprozess bei. Unsere IT-Experten unterstützen die Fluggesellschaften auf diesem Weg zusammen mit unserem Start-up zeroG,das sich zum Ziel gesetzt hat, das Potenzial von Daten zu erschließen, um die Welt der Luftfahrt zu verbessern.

Angesichts der aktuellen globalen Lage profitieren Fluggesellschaften mehr denn je von automatisierten Optimierungslösungen, die zu erheblichen Kosteneinsparungen, höherer Betriebsstabilität und geringeren Umweltauswirkungen führen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Vermeidung von Kondensstreifen kann die Auswirkungen des Luftverkehrs auf die globale Erwärmung und den Klimawandel erheblich reduzieren. Auf der Grundlage neuer Wetterdaten und spezifischer Regeln arbeiten wir eng mit unseren Partnern zusammen, um einen Optimierer zu entwickeln, der extrem eisgesättigte Regionen meiden und so die Entstehung von Kondensstreifen verhindern kann.

Bevor wir zum Ende kommen, haben Sie noch einen Ratschlag, den Sie Ihren Branchenkollegen in Bezug auf die Nachhaltigkeitsagenda mit auf den Weg geben möchten?

OK: 2019 erlebten wir eine Luftfahrtinfrastruktur, die an ihre Grenzen stieß, sowohl auf Flughäfen als auch in der Luft. Dann fegte die COVID-19-Pandemie über den Globus und löste eine immense Krise in der Luftfahrtindustrie aus, die zu Reisebeschränkungen und einer schwankenden Nachfrage führte. Der enorme Wandel, der sich derzeit in der Luftfahrtindustrie vollzieht, ist unsere beste Chance, dem Klimawandel zu begegnen. Wir müssen uns unbedingt auf eine umweltfreundlichere Zukunft der Luftfahrt zubewegen, und die Diskussion darüber, wie wir dieses Ziel erreichen können, nimmt endlich Fahrt auf.

Der derzeitige Transformationsprozess sollte uns dazu anregen, unsere Branche zu überdenken und uns von diesen vielversprechenden Entwicklungen inspirieren zu lassen. Unser Weg in die Zukunft ist einfach: Gemeinsam müssen wir heute verantwortungsbewusst für eine nachhaltige Zukunft handeln, und ich lade alle unsere Kolleginnen und Kollegen ein, sich uns auf dieser Reise zur Gestaltung einer nachhaltigeren Zukunft anzuschließen.